Mittwoch, 20. Juli 2016

Eine WhatsApp-Gruppe ist keine Lerngruppe

Zu Beginn: dies ist nicht der x. Artikel zu Mobbing oder Sexting. Hier geht es um den normalen Schulalltag in Ihrer Klasse.

Meine Abschlussklasse war im Stress - Abiprüfungen standen an. Mir war klar, dass die Klassenchats bei WhatsApp in der Vorbereitungszeit heiß laufen würden. Aber welche Eigendynamik der Kommunikationskanal bereits im Laufe des letzten Jahres nahm, wurde mir erst bewusst, als ich mit einer Lernenden darüber sprach. Ich war geschockt: der Druck auf die Leistungsspitze aus der Klasse war enorm. In diesem Post schreibe ich daher einige Dinge, die Sie als Klassenlehrerin und -lehrer wissen sollten. 


(Fotoquelle: N.N., lobo studio Hamburg, pixabay.com, CC-0)


Statistisch gesehen (vgl. JIM-Studie 15)besitzen 95 % der Schülerinnen und Schüler an meiner Schule ein Smartphone. Aus eigenen Erfahrungen sind die 5 % allerdings nur ohne Handy, weil es z. Zt. defekt ist oder geklaut wurde. Mit 94 % ist das Instant-Messaging die wichtigste Funktion, die genutzt wird. Entsprechend hoch ist der Traffic von und für jeden einzelnen. Handysektor.de rechnete bereits 2014 vor, dass die bzw. der Jugendliche pro Tag durchschnittlich 26 mal WhatsApp nutzt und daher alle 23 Minuten im Messanger aktiv ist. Die Angst etwas zu verpassen, die FOMO (fear of missing out), strahlt auch auf den Schulalltag, neben der Freizeit das lebensbestimmende Element der Jugend, aus.

Wenn man sich z. B. in den Klassen umhört, so existieren mindestens eine, häufiger aber mehrere WhatsApp-Gruppen pro Klasse. Neben den Chats, in denen ich als Lehrer mit von der Partie bin, gibt es auch Gruppen mit dem bezeichnenden Zusatz "ohne Lehrer". Das ist für die Schülerschaft unumgänglich, denn ein zentrales Element des Klassenchats ist die



Verteilung der Hausaufgaben

(der Stress durch Druck)


Die Diskussion um den Sinn der Hausaufgaben, wie sie von Armin Himmelrath in seinem Buch "Hausaufgaben - Nein Danke!" angestoßen wurde, soll hier nicht weiter beleuchtet werden. Allerdings erhält die Diskussion durch die digitale Perspektive und die Möglichkeit der einfachen Digitalisierung von Hausaufgaben eine weitere Dimension.

Jeder Lehrerin und jedem Lehrer sollte klar sein, dass WhatsApp gepaart mit den sensationellen Handykameras dazu führt, dass die Ergebnisse der häuslichen Arbeit relativ frei und ungeniert in den Klassenchats getauscht werden. Einschlägige Tweets dazu findet man sehr schnell:





Allerdings bedeutet die Anfrage der einzelnen Schülerinnen und Schüler in den Gruppen eine hohe Belastung für die Leistungsspitze in der Klasse. Der in den Gruppen aufgebaute Druck - insbesondere in sozial sonst sehr ausgeglichenen, freundschaftlich strukturierten Klassengemeinschaften - und die Erwartungshaltung einer schnellen Antwort im Instant-Messenger WhatsApp führt zu einer skurrilen Schieflage in der Kommunikation zwischen den Parteien: nicht der Anfrager ohne Hausaufgaben, sondern der Antwortende mit Hausaufgaben wird schnell als Buhmann tituliert. Bereits nach 10 Minuten kommen die ersten Nachfragen, warum denn keiner "Bock" habe, eben die Lösungen abzufotografieren.

Konnte man in einer 1:1-Situation zu meiner analogen Schulzeit noch ausweichend reagieren ("Mach doch selbst?") oder ein Tauschverhältnis aufbauen ("Was bekomme ich dafür von dir"), steht man heute virtuell direkt der gesamten Klasse gegenüber. Man "liefert" nicht mehr an einzelne Personen, sondern an die gesamte Gemeinschaft und fühlt sich demnach auch für die Gruppe verantwortlich. Das führt m. E. zu einer deutlich schärferen Dilemmasituation.

Sind die Klassen oder Kurse untereinander vernetzt (z. B. in Jahrgangsstufen), dann erlebt man das Phänomen der 

Grenzüberschreitenden Lernzettel

(der Stress durch die Verbreitung)


Neben den Hausaufgaben werden auch Lernzettel gerne "angefragt". Auch wenn ich als Lehrer tausend Mal betone, dass das Anfertigen einer Zusammenfassung nur sinnvoll ist, wenn es jeder einzelne für sich erledigt, so erlebe ich es dennoch sehr häufig, dass die Themenzusammenfassungen vor den (zentralen) Prüfungen regelmäßig über den Chat verteilt werden. Schülerinnen und Schüler mit einer besseren Zeitplanung und / oder besserer Arbeitseinstellung "müssen" die in langer, intensiver Arbeit erstellten Blätter zur Verfügung stellen.

Neben dem Gemeinschaftsdruck, der sich natürlich auch hier wie bei den Hausaufgaben ergibt, sind Lernzettel unter Umständen für einen größeren Personenkreis als nur die Klasse interessant. In unserem Jahrgang beispielsweise schreiben wir parallele Klausuren und die Abiklausur in NRW ist ebenfalls eine zentral standardisierte Prüfung.

Es ist offensichtlich, dass die Inhalte, die einmal in digitaler Form vorliegen, problemlos vervielfältigt und weiterverbreitet werden können. Ich habe erlebt, dass Bilder von Lernzetteln einer Schülerin in einer Parallelklasse auftauchten, ohne dass die eigentliche Urheberin danach gefragt wurde. Im Gegenteil: ihr gegenüber verschwieg man die Verbreitung. Vielmehr machten sich die Mitschülerinnen und -schüler der Parallelklasse über orthografische und inhaltliche Schwächen lustig.

Als Lehrer muss ich damit leben, dass mein Material auch anderen Klassen zur Verfügung gestellt wird und ich kann dies evtl. noch mit einer professionellen Distanz ertragen. Als Schüler fände ich es a) nicht so gut, dass meine Vorbereitungen auf eine (am Ende vergleichende) Prüfung von meinen faulen Mitschülern genutzt wird und b) dass diese unkontrolliert über das Netz verteilt und kommentiert werden.

Neben den gruppenbezogenen Anfragen bombardieren sich die Klassenmitglieder auch gerne individuell gegenseitig mit




FAQ

(der Stress durch die ständige Erreichbarkeit)


Wie auch bei den Erwachsenen teilt sich der Tag bei den Jugendlichen in Arbeitszeit (Schul- und Lernzeit) und Freizeit auf. Insbesondere letztgenannte darf in der heißen Vorbereitungszeit für Prüfungen nicht fehlen. Das Gehirn kann "ausruhen" und vorher erlernte Strukturen festigen. Abgesehen davon sorgt diese freie Zeit für zusätzliche Motivation.

Da das Smartphone immer griffbereit neben den Jugendlichen liegt, kommen die Nachrichten auch während der Freizeit. Während des Fernsehens auf dem Bett, beim Spazierengehen mit dem Hund, abends oder nachts im Bett, beim Chillen irgendwo oder unterwegs beim Shoppen! So oder so: die aktuell schöne Tätigkeit wird unterbrochen. Kommen nun Fragen durch die Mitschüler oder wird man mit deren Problemen konfrontiert ("Wie hast du die Aufgabe gelöst?") und wird eine schnelle Antwort wie bei WhatsApp üblich erwartet, so erzeugt dies Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Die oder der Befragte muss sich erneut mit dem Lernstoff beschäftigen oder sich in bestimmte Fragestellungen einarbeiten -  am besten unverzüglich und lösungsorientiert, schließlich wartet der WhatsApp-Partner (hier sind es in der Regel Einzelchats). Die Freizeit wird wieder zur Lernzeit. Tagesplanungen oder inhaltliche Schwerpunktsetzungen ("Die Aufgabe lass ich aus oder erledige sie später") werden torpediert.


Lösungen?

(Anregungen)


Selbstverständlich kann man das Smartphone aus- oder den Flugmodus einschalten. Auch die Gruppenchats stumm zu schalten oder eingehende Nachrichten einfach zu ignorieren wären Möglichkeiten. Aber es behebt das Problem nicht, sondern verschiebt es allenfalls.

Der Klasse muss klar gemacht werden, dass eine Chatgruppe keine Lerngruppe ist. In einer guten Klassengemeinschaft sollte man Anfragen auch verneinen oder ignorieren können, ohne direkt unter Druck gesetzt zu werden. Beschließen Sie einen Verhaltenskodex mit der Klasse oder treffen Sie gemeinsame Absprachen. Auch wenn Sie nicht Teilnehmer des Chats sind, so muss doch allen klar werden, dass auch für digitale Kommunikation bestimmte Regeln gelten, die eingehalten und ggf. auch sanktioniert werden müssen. In der Rolle als Lerncoach sollten Sie als Ansprechpartner auch bei digitaler Kommunikation der Klasse zur Verfügung stehen.

Sie glauben, diese Probleme existieren in Ihren Klassen nicht? Schön! Aber bitte: Finden Sie es heraus! Sprechen Sie mit Ihren Klassen!

Kommentare:

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  2. Interessanter Post! Ich danke.
    Beste Grüße von Sylvia

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  3. Sehr gut geschrieben! Mich betrifft es zwar (noch) nicht (Grundschule), aber ich habe schon des Öfteren mitbekommen, dass es in der 5. mit diesen Chats losgeht. Einige Eltern haben mich nach meiner Meinung gefragt, ich habe es aber bisher immer nur unter dem Aspekt "Mobbing" und "Sexting" gesehen. Danke für die Anregung!

    Liebe Grüße, Anna

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  4. Sehr interessant. Vielen Dank!
    Viele Grüße
    Jörg

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  5. Sehr gut geschrieben! Und doch, in einer 4. Grundschulklasse gab es das bereits, lg Karin

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  6. Und in der Grundschule läuft das dann über die Eltern und WhatsApp. :-/

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